Heimkehr im Herzen | Wenn Traditionen Brücken bauen

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Heimkehr im Herzen

Wenn Traditionen Brücken bauen

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Es gibt Momen­te im Jahr, die sich anfüh­len wie ein war­mer Man­tel, den man sich umlegt, wenn die Welt drau­ßen ein wenig zu laut, zu schnell oder zu fremd erscheint. Momen­te, in denen wir spü­ren, wie sehr uns ver­trau­te Ritua­le tra­gen. Nicht, weil sie uns fest­hal­ten, son­dern weil sie uns erin­nern: Wir kom­men von irgend­wo­her. Wir gehö­ren zu jeman­dem. Wir sind Teil einer Geschich­te, die grö­ßer ist als wir selbst.

Gera­de in Deutsch­land, wo vie­le alte Bräu­che im Lärm der Gegen­wart bei­na­he lei­se gewor­den sind, lohnt es sich, wie­der hin­zu­hö­ren. Da sind Fes­te, die frü­her gan­ze Dör­fer zusam­men­ge­bracht haben. Da sind Wer­te wie Gast­freund­schaft, Zusam­men­halt, Ver­läss­lich­keit und Herz­lich­keit, die Gene­ra­tio­nen geprägt haben. Wenn wir die­se Tra­di­tio­nen neu ent­de­cken, holen wir ein Stück Wär­me zurück in unse­re Zeit – und schaf­fen Raum für Begeg­nun­gen, die uns berei­chern.

Wurzeln, die uns tragen

Tra­di­tio­nen sind kei­ne Ket­ten, die uns ein­schrän­ken. Sie sind Wur­zeln, die uns näh­ren, ohne uns am Wach­sen zu hin­dern. Sie geben Halt, ohne uns fest­zu­bin­den. Wer sei­ne Wur­zeln kennt, steht siche­rer im Wind – und kann ande­ren mit offe­nem Her­zen begeg­nen.

Denn was wir nicht ken­nen, macht uns oft unsi­cher. Doch sobald wir hin­schau­en, zuhö­ren, rie­chen, schme­cken, fei­ern, beginnt Ver­ständ­nis. Und Ver­ständ­nis ist der Anfang von Nähe. Wenn wir unse­re eige­nen Bräu­che wert­schät­zen, fällt es uns leich­ter, die Tra­di­tio­nen ande­rer Kul­tu­ren nicht als fremd zu emp­fin­den, son­dern als Ein­la­dung, gemein­sam zu ler­nen.

Zwischen zwei Welten

Vie­le Aus­län­der, die hier in Deutsch­land gebo­ren wur­den oder als Klein­kind hier­her­ka­men, tra­gen eine stil­le Sehn­sucht in sich. Sie füh­len sich oft ver­lo­ren, nie ganz einem Land zuge­hö­rig. Zu deutsch für die Hei­mat ihrer Eltern, zu fremd für das Land, in dem sie leben. Sie wün­schen sich nichts sehn­li­cher, als ein Teil von etwas zu sein – nicht gedul­det, son­dern gemeint.

Traditionen NORDISCHLIFESTYLE 012026

Sie sit­zen zwi­schen den Stüh­len, zwi­schen zwei Wel­ten, und ver­su­chen, bei­den gerecht zu wer­den. Und genau in die­sem Dazwi­schen ent­steht oft ein Schmerz, den man von außen kaum sieht: das Gefühl, hei­mat­los zu sein, obwohl man zwei Hei­ma­ten hat.

Ich ken­ne die­ses Gefühl gut. Ich bin selbst in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren, Reli­gio­nen und Hei­ma­ten groß gewor­den. Mein Vater ist Chi­ne­se, mei­ne Mut­ter Viet­na­me­sin mit fran­zö­si­schem Ein­fluss. Auf­ge­wach­sen bin ich in der Schweiz – Kin­der­gar­ten, Schu­le, Stu­di­um – mit Schwei­zer Pass, wäh­rend mei­ne Eltern in Thai­land leb­ten. Heu­te ver­brin­ge ich mein hal­bes Leben in Deutsch­land. Mei­ne müt­ter­li­che Linie ist streng christ­lich, mei­ne väter­li­che Linie bud­dhis­tisch. Ich lebe bei­de Reli­gio­nen, bei­de Wel­ten, bei­de Wahr­hei­ten.

Und Arno? Er trägt deut­sche, schot­ti­sche, sizi­lia­ni­sche Wur­zeln in sich, mit einem Hauch süd­afri­ka­ni­scher Geschich­te. Was wir also sind? Wo unse­re Hei­mat liegt? Die Ant­wort ist über­ra­schend ein­fach: Wir sind Men­schen.

Wir pfle­gen Tra­di­tio­nen und Bräu­che aus all unse­ren Kul­tu­ren. Bei uns steht eine hei­li­ge Maria neben einer Bud­dha-Sta­tue. Ein Weih­nachts­baum gehört genau­so dazu wie das chi­ne­si­sche Neu­jahrs­fest. Und wir lie­ben es – weil es uns nicht spal­tet, son­dern voll­stän­dig macht.

Wenn Rituale sich ähneln

Hei­mat ent­steht nicht nur aus einem Ort. Sie ent­steht aus Ritua­len, aus Gerü­chen, aus Lie­dern, aus Fes­ten, aus dem, was wir mit dem Her­zen wie­der­erken­nen. Und genau hier beginnt die Kraft der Tra­di­tio­nen – egal aus wel­cher Kul­tur, egal aus wel­cher Reli­gi­on.


Wenn ein mus­li­mi­sches Kind im Rama­dan die ers­te Dat­tel des Tages bricht, spürt es die­sel­be Wär­me wie ein christ­li­ches Kind, das an Weih­nach­ten die ers­te Ker­ze am Advents­kranz anzün­det. Wenn eine jüdi­sche Fami­lie an Cha­nuk­ka die Lich­ter ent­zün­det, ist das die­sel­be Sehn­sucht nach Licht, die deut­sche Fami­li­en beim Later­ne­lau­fen durch die dunk­len Stra­ßen tra­gen. Wenn eine tami­li­sche Fami­lie zu Pon­gal den ers­ten Reis des Jah­res seg­net, ist das der­sel­be Dank an das Leben, den wir hier beim Ern­te­dank­fest fei­ern.

Unter­schied­li­che Spra­chen, unter­schied­li­che Sym­bo­le – aber die­sel­be mensch­li­che Wahr­heit: Wir alle wol­len dazu­ge­hö­ren. Wir alle wol­len erin­nern. Wir alle wol­len wei­ter­ge­ben, was uns trägt.

Wenn Geschichten sich begegnen

Wenn wir ein­an­der erlau­ben, unse­re Tra­di­tio­nen zu leben und zu tei­len, ent­steht etwas Wun­der­ba­res. Wir öff­nen Türen, statt Mau­ern zu bau­en. Wir ler­nen, dass das Leuch­ten der roten Later­nen nicht fremd ist, son­dern ein ande­res Wort für Hoff­nung. Dass der Duft von Räu­cher­stäb­chen nicht irri­tiert, son­dern Geschich­ten erzählt. Dass ein gemein­sa­mes Lächeln über einen Glücks­keks mehr ver­bin­det als tau­send Vor­ur­tei­le tren­nen könn­ten.

Und wir erken­nen, dass auch unse­re eige­nen Tra­di­tio­nen – das Knis­tern der Weih­nachts­plätz­chen im Ofen, das Klin­gen der Kir­chen­glo­cken am Sonn­tag­mor­gen, das Bin­den des Mai­kran­zes, das Fun­keln der Stern­sin­ger­kro­nen, das Rascheln der Ern­te­kro­nen im Herbst – nichts ande­res sind als Brü­cken. Brü­cken, die wir bau­en kön­nen, wenn wir den Mut haben, ein­an­der zuzu­hö­ren.

Denn am Ende wol­len wir alle das­sel­be: ein Zuhau­se fin­den, das groß genug ist für unse­re Geschich­ten – und offen genug für die Geschich­ten der ande­ren.

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Verständnis wächst, wenn Wurzeln sichtbar werden.

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