Was ist eigentlich Schamanismus?
Ein alter Weg, der uns lehrt, wieder zu sehen
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein regelrechter Schamanismus-Boom entwickelt, der neben den vielen positiven Entwicklungen auch reichlich Warnungen auf den Plan gerufen hat. Natürlich muss jeder Mensch selbst entscheiden, welchen Weg er gehen möchte und welche Risiken er dabei eingehen mag. Eigenverantwortlichkeit ist ein wesentliches Thema unserer Zeit. Wer auf der Suche ist, hat aber zunächst wenig bis gar keine Ahnung, was sich hinter all den wunderbar klingenden Ankündigungen und fantastisch anmutenden Heilsversprechen verbirgt.
Aus meiner Sicht nach mehr als 30 Jahren Erfahrung ist schamanische Arbeit nur dann sinnvoll (weil dauerhaft wirksam), wenn sie alltagstauglich ist und sich nicht primär in sensationellen Zeremonien und Wochenend-Seminaren erschöpft. Wer sich wirklich innerlich entwickeln möchte und ernsthafte Impulse für sein Leben sucht, wird Freude an schamanischer Arbeit haben und individuelle Erfolge erzielen.
Aber was ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Schamanismus und Schamanismus?
Ursprünglicher Schamanismus
Schamanismus gibt es bereits sehr lange. Schon in der Steinzeit finden sich Spuren schamanischen Wirkens als Vermittlung zwischen der alltäglichen und der nicht-alltäglichen Wirklichkeit, welche nur in einem erweiterten Bewusstseinszustand erfahren werden kann.
Schamanen und Schamaninnen sind die Vermittler zwischen diesen beiden Wirklichkeitsebenen. Ihre Aufgabe ist es, zu heilen, Rat aus der „Anderswelt“ für sich und andere von ihren schamanischen Reisen /Trancereisen mitzubringen, aber auch bei Übergängen zu begleiten und Zeremonien zu leiten. Sie vermitteln also zwischen Menschen und Geisterwelt, wenn es notwendig ist. Für diese heilige Lebensaufgabe wurden und werden sie von ihrer Gemeinschaft geehrt, mitunter auch gefürchtet.
Schamanismus hat sich durch die Jahrtausende in nahezu allen Teilen der Welt bewährt, auch wenn der Teil der menschlichen Bevölkerung, der sich für die modernere Zivilisation hält, ihn im Zuge einer wachsenden Wissenschaftsgläubigkeit mehr und mehr als Folklore abtat. Inzwischen ist längst ein neues Interesse an dem alten Wissen erwacht, und so erhalten das schamanische Wirken und die boomenden – leider nicht selten sehr fragwürdigen – Schamanismus-Schulen regen Zulauf.
Core-Schamanismus
Die Gründer der Foundation for Shamanic Studies (FSS) haben sich sehr intensiv und sehr wertschätzend mit Schamaninnen und Schamanen in verschiedenen Kulturkreisen auseinandergesetzt und geben ihr Wissen und ihre Erfahrungen seit vielen Jahren – soweit ich das beurteilen kann – verantwortungsbewusst und sinnvoll weiter.
Neben der Weitergabe ist auch die Erforschung und der Erhalt schamanischen Wissens zum Wohle aller erklärtes Ziel der FSS. Es geht hier nicht darum, eine Kultur aus ihrem Zusammenhang zu reißen und als Fremdkörper in eine andere zu pflanzen, sondern darum, die nahezu universellen Grundprinzipien und Techniken des Schamanismus segensreich anzuwenden.
Diese Form der schamanischen Arbeit ist für mich die respektvollste allen Beteiligten gegenüber und lässt sich ganz natürlich in allen Teilen der Welt praktizieren und ist entsprechend sehr wirksam und hilfreich in vielen Situationen.
Deshalb ist auch mein schamanischer Weg der Vermittlung dessen, was ich im Laufe von Jahrzehnten von Schamanen und Schamaninnen unterschiedlicher Herkunft habe lernen dürfen, an den universellen Prinzipien ausgerichtet.
Neo-Schamanismus
In den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts erwachte durch fantastische Bücher über das außergewöhnliche Leben von Schamanen und Medizinleuten indigener Völker ein abenteuerlustiges Interesse an dieser fremden, magischen Weltanschauung und Lebensweise.
Bewusstseinserweiternde Drogen wurden besonders interessant, und von Fernreisen brachten einige Begeisterte faszinierende Zeremonien und Techniken mit, die sie oft natürlich nur flüchtig kennengelernt und selten wirklich verstanden hatten.
Ohne verantwortungsbewusste Anleitung und intensive langjährige Ausbildung (mindestens ein Jahrsiebt!) fühlten sich Menschen berufen, plötzlich Schamanen und Schamaninnen zu sein und andere mit Heilversprechen in ihre „Behandlung“ zu locken.
Im Laufe der Jahre habe ich leider nicht wenige Menschen kennengelernt, die z. B. durch unbegleitetes schamanisches Reisen, durch Verwendung bewusstseinserweiternder Drogen oder nach skurrilen Ritualen psychotische Phasen durchleben mussten und deshalb längere Klinikaufenthalte hinter sich hatten.
Das Herunterspielen der Risiken und der sträflich leichtsinnige Umgang mit komplexen Methoden trägt aus meiner Sicht nicht unwesentlich dazu bei, Schamanismus in der öffentlichen Meinung in Misskredit zu bringen.
„Plastik-Schamanismus“
Nicht minder fragwürdig ist der Trend, vermeintlich authentischen Schamanismus eines – meist amerikanischen – Volksstammes in Europa mit einer Ernsthaftigkeit zu zelebrieren, als würde er hier in unseren Kulturkreis gehören.
Meist haben diese begeisterungsfähigen Menschen in bester Absicht von „echten Indianern“ (meist allerdings keine Schaman*innen!) so zauberhafte Methoden wie Schwitzhütten nach ganz rigiden Maßgaben und strengen Regeln gelernt und grenzen sich damit von ihrer eigenen Gesellschaft ab, ohne allerdings zu der adaptierten dazuzugehören.
Gewichtiger noch ist für mich, dass die indigenen Völker den „Raub“ und Missbrauch ihrer Kultur missbilligen. Bereits 1993 ist von ihnen unter der Leitung der Lakota eine Kriegserklärung an alle ausgesprochen worden, die ohne Stammeszugehörigkeit und außerhalb des Stammesgebietes ihre heiligen Zeremonien nutzen und dadurch entweihen.
Sie nennen die eigenen Stammesangehörigen, die das alte Wissen gegen Geld an Außenstehende „verkaufen“, und diejenigen, die es „kaufen“ und anwenden, „Plastik-Schamanen“. Ich finde, dieser Begriff spricht für sich!
Fazit
Meine schamanische Arbeit basiert wie im Core-Schamanismus auf universell gültigen energetischen Prinzipien, die ich von großartigen Männern und Frauen aus aller Welt habe lernen dürfen. Sie ist nicht auf kurzfristige Exklusivität, sondern auf Alltagstauglichkeit und langfristigen Segen ausgerichtet.
Aus Respekt vor und unermesslicher Wertschätzung für die Schamaninnen und Schamanen indigener Völker achte und ehre ich die Würde und damit auch die Abgrenzung ihrer Kultur gegenüber anderen.
Ich bin dankbar, einige allgemein gültige (aber in Vergessenheit geratene) energetische Techniken für das Leben in Westeuropa nutzen zu können, ohne damit ihre Grenzen zu verletzen. Wir brauchen keine exotische Sprache und auch keine fremde Folklore, um in der „alten Welt“ schamanisch tätig zu sein. Das gab es auch hier schon immer. Wir hatten es nur vergessen.